„Es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“, sagte der Dichter Paul Celan über die Bukowina, wo er geboren wurde. Die Bukowina gehört heute zur Ukraine und zu Rumänien. Bis 1918 war sie ein Kronland der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.
Zu jener Zeit war inmitten der zahlreichen Ethnien, Religionen und Muttersprachen vor allem in der Hauptstadt Czernowitz ein deutsch-jüdisches Bildungsmilieu entstanden, aus dem mehrere bedeutende Dichterinnen und Dichter hervorgegangen sind. Rose Ausländer, eine von ihnen, schrieb über den Lebensstil dieses Milieus:
„Weltfremdheit und Nichtbeachtung der umdüsterten Realität als Ausdruck des Lebens in einer als ‚wesentlichere Wirklichkeit‘ empfundenen Welt der Ideen und Ideale.
Bildhauer, Maler, Musiker, Dichter lebten, wenn sie keinem anderen Beruf nachgingen, von der Bewunderung ihrer Freunde und Mitbürger, die ihre Werke kauften, ihre Konzerte und Lesungen besuchten. Man empfand es als seine Pflicht, Künstler und Dichter zu unterstützen und zu fördern. […]
In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu gezwungen, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen. –
Eine versunkene Stadt. Eine versunkene Welt“
Frank Meier-Barthel
Die jüdische Kultur der Bukowina, mit der Synagoge in der Stadt Sadagora, einem Zentrum des chassidischen Judentums, fiel ebenso wie die weltlichere Kultur der Stadt Czernowitz, den Ideologien des 20. Jahrhunderts zum Opfer. Die Nazis ermordeten unzählige Menschen; die Stalinisten zerstörten, was die Nazis überlebt hatte. Von den einst mehreren Dutzend Synagogen in Czernowitz wird heute nurmehr eine als Bethaus genutzt.
Dieser Abend wird einen Eindruck von der vielstimmigen Kultur der Bukowina vermitteln. Damit enden die drei Staffeln „Kinder Kakaniens“.
Die kommentierte Lesung gehört zur dritten und letzten Staffel der Reihe „Kinder Kakaniens“. „Kakanien“ ist ein ironischer Ausdruck für die Kaiserlich-und-königliche Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Kakanien brachte wichtige Vertreter:innen der Moderne hervor, darunter viele jüdischer Herkunft, wie die Autor:innen dieser Lesereihe.
Termin:
15. Juni 2027
19:30 Uhr
Ort:
Synagoge Herford
Komturstr. 21-23
32052 Herford
Eintritt frei.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.